Falls es keinen Gott gibt …

… ist alles erlaubt?

Leszek Kołakowski, einer der bedeutendsten polnischen Philosophen des 20. Jahrhunderts, verwendete 100 Jahre nach Dostojevskijs Roman Die Brüder Karamasow diesen Aphorismus für den Titel seines 1982 erschienenen Hauptwerkes, in dem er argumentiert, dass der Verzicht auf das Transzendente zum Verlust der menschlichen Identität und dem Zusammenbruch von Werten führt.

Im Gegensatz dazu geht der humanistische Existenzialismus eines J. P. Sartre oder Albert Camus davon aus, dass der Mensch ohne einen Schöpfergott völlig frei ist und sein Leben nach eigenen Werten definieren und den Sinn selbst erschaffen kann. Das Absurde des Lebens wird durch diese bewusste Freiheit erträglich und sogar erfüllend.

Beide Sichtweisen schließen sich nicht aus. Im Gegenteil.

Durch das von der katholischen Kirche selbstverschuldete Ende jeder Glaubwürdigkeit als moralische Instanz und das daraus entstandene spirituelle Vakuum fehlt im Kulturkreis des Okzidents eine für das Zusammenleben von Menschen wichtige, neue Synthese aus Metaphysik, genauer: theologischer Philosophie und humanistischem Existenzialismus.

Die Unbestreitbarkeit eines SCHÖPFERS, eines absoluten, ewigen SEINS, beweisbar durch den Blick in den Sternenhimmel, ebenso wie die individuelle Erfahrbarkeit des GEWAHRSEINS1, das jedem Menschen ganz einfach durch WERTURTEILSFREIE, BEWUSSTE GEGENWÄRTIGKEIT zugänglich ist, und die Notwendigkeit von Regeln, die sich aus dem dem Menschen innewohnenden moralischen Gesetz ableiten, um in der physischen Notwendigkeit des Alltags halbwegs vernünftig zu überleben, sind kein Widerspruch, sondern nur zwei Seiten derselben Medaille menschlichen Lebens.

Im subtilen GEWAHR-SEIN des EWIGEN JETZT transzendiert der Mensch sein SELBST-BEWUSST-SEIN und wird zur personifizierten Offenbarung des (göttlichen) SEINS. Im GEWAHR-SEIN erkennt er sich als das EINE SEIN, vor dessen Hintergrund das moralische Gesetz immaniert werden kann.

Diese Erkenntnis des SEINS hatten, religiösen Legenden zufolge, so manche spirituelle Meister bereits mit jungen 30 Jahren, wie Jesus nach der Taufe durch Johannes am Jordan (Luk. 3,23), oder Siddhartha Gautama, auch Buddha genannt, mit 35 Jahren unter dem Bodhi-Baum oder Mohammed, dem erst mit 40 am Berg Hira Engel Gabriel die erste Offenbarung überbracht hat. Andere brauchten 50 Jahre, wie Konfuzius sich selbst in den Analekten (Lunyu II.4) beschreibt, oder gar 80 Jahre wie Moses, als ihm Gott am Fuße des Berges Sinai als brennender Dornbusch mit den Worten „Ich bin, der ich bin“ begegnete (AT, Exodus 3,14), und manche erkennen es nicht gleich im ersten Leben. Sie werden – zumindest nach buddhistischer Lehre – so lange wiedergeboren, bis sie es erkannt haben …

Die grundlegendste der menschlichen Fragen ist also seit mehr als 3000 Jahren evident beantwortet und kann mit ein wenig spiritueller Übung – manche sagen auch Meditation, die Kunst der Achtsamkeit als bewertungsfreie Wahrnehmung und Annahme des gegenwärtigen Augenblicks, dazu – von jedem Menschen ganz ohne institutionalisierte Kirchen beantwortet werden:

ICH BIN = GOTT IST. Und es ist NICHT alles erlaubt.

Nur in der STILLE des ewigen JETZT, des immerwährenden gegenwärtigen Augenblicks, als kleiner Raum zwischen Reiz und Reaktion, ist der Mensch frei, sich seines göttlichen Ursprungs und des Handelns in einer kausalen, nicht perfekten, nur allzu menschlichen Welt GEWAHR zu SEIN, um daraus die für das menschliche Zusammenleben notwendigen Handlungsmaximen – das moralische Gesetz – abzuleiten. Sollte ihm das nicht allzu gut gelingen, so ist er nicht böse, sondern nur noch nicht ausreichend GEWAHR.

So einfach ist das.

J. W. v. Goethe 1814

  1. Gewahrsein; in dem Wort gewahr (wie in „gewahr werden“ oder „gewahr sein“) ist die Vorsilbe ge- ein sogenanntes perfektivierendes Präfix. Das Präfix ge- stammt vom urgermanischen ga- ab und drückt traditionell ein Gefühl der Vollständigkeit, des Zusammenkommens oder der Gesamtheit aus. Es ist historisch mit lateinischen Vorsilben wie con- oder co- verwandt. Wahren bedeutet, etwas im Auge zu behalten. Die Vorsilbe ge- bewirkt, dass aus diesem andauernden Prozess ein plötzliches Ereignis wird. „Gewahr werden“ oder „gewahr sein“ bedeutet folglich, dass man in einem bestimmten Moment etwas bewusst erfasst, bemerkt oder plötzlich versteht – hier: DAS SEIN an sich. Es lenkt den Fokus auf den plötzlichen Moment des Eintritts in einen Zustand, ist wertfrei und nicht dualistisch. Im Unterschied dazu ist Bewusstsein der aktivere, kognitive Prozess, der dieses Wahrgenommene ordnet, bewertet und mit Konzepten, Erinnerungen (Vergangenheit), Erwartungen (Zukunft) oder dem eigenen Ich, dem Denker, dem EGO verknüpft. Beachte: Die beiden wesentlichen Merkmale von Gewahrsein sind einerseits die Unmittelbarkeit des gegenwärtigen Augenblicks und andererseits die völlige Bewertungsfreiheit. Diese korrekte Unterscheidung zwischen Gewahrsein und Bewusstsein ist ganz wesentlich! ↩︎

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