Falls es keinen Gott gibt

Leszek Kołakowski (1927–2009), einer der bedeutendsten polnischen Philosophen des 20. Jahrhunderts, verwendete diesen Aphorismus in Anlehnung an Dostojevskijs Roman Die Brüder Karamasow für den Titel seines 1982 erschienenen Werkes. Er warnt darin, dass der Verlust des Glaubens auch zum Verlust der menschlichen Identität und dem Zusammenbruch von Werten führt.

Im Gegensatz dazu geht der humanistische Existenzialismus eines Jean-Paul Sartre oder Albert Camus davon aus, dass der Mensch ohne einen Schöpfergott völlig frei ist und sein Leben nach eigenen Werten definieren und den Sinn selbst erschaffen kann. Das Absurde des Lebens wird durch diese bewusste Freiheit erträglich und sogar erfüllend.

Beide Sichtweisen schließen sich nicht aus. Im Gegenteil.

Im Unterschied zu Offenbarungsreligionen wie Christentum, Islam und Judentum, bei denen verschiedene Religionsstifter göttliche Offenbarungen übermittelt bekamen, denen Gläubige kritiklos folgen, steht für spirituelle Lehren fernöstlicher Tradition wie den Buddhismus, Hinduismus, Konfuzianismus oder auch die mystischen Strömungen der eingangs aufgezählten Weltreligionen die individuelle Erfahrbarkeit göttlichen Seins, das Erkennen der Wirklichkeit durch die Befreiung des Geistes sowie die Überwindung von persönlichem Leid im Mittelpunkt.

Durch das von der katholischen Kirche selbstverschuldete Ende als ernstzunehmende moralische Instanz und den Verlust jeder Glaubwürdigkeit entstand über die letzten Jahrzehnte ein spirituelles Vakuum. Im Kulturkreis des ehemals christlichen Abendlandes fehlt längst eine für das harmonische Zusammenleben von Menschen wichtige, neue Synthese aus einer zutiefst menschlichen, ganz individuellen Spiritualität und einem zeitgemäßen, humanistischen Existenzialismus.

Es geht also um nichts Geringeres als um eine ganz individuelle, persönliche GEWAHRWERDUNG des Jenseitigen, Transzendenten, Göttlichen für jeden einzelnen Menschen und in der Folge dessen um die Einsicht in richtiges – also moralisches – Verhalten im Diesseitigen, Immanenten, Menschlichen, um auf einem kleinen Planeten mit bald zehn Milliarden Sinnsuchenden langfristig halbwegs vernünftig auszukommen.

Warum braucht es diese Moral für zwischenmenschliches Auskommen? Weil nicht alles durch Gesetze geregelt werden kann! Schon gar nicht in der Anarchie des internationalen Systems ohne weltweite Durchsetzungsinstanz.

Die Unbestreitbarkeit eines SCHÖPFERS, eines absoluten, ewigen SEINS, beweisbar durch den Blick nach außen in den Sternenhimmel oder das subjektive GEWAHRSEIN1, das jedem Menschen ganz einfach durch urteilsfreie Beobachtung nach innen in die GEGENWÄRTIGKEIT des ewigen Augenblicks zugänglich ist, einerseits, und die Notwendigkeit von Regeln, die sich aus dem dem Menschen innewohnenden moralischen Gesetz ableiten, um in der physischen Notwendigkeit des Alltags halbwegs vernünftig zu überleben, andererseits, sind kein Widerspruch, sondern nur zwei Seiten derselben Medaille.

Im subtilen GEWAHRSEIN des ewigen JETZT transzendiert der Mensch sein Selbstbewusstsein, sein EGO, und wird zur Offenbarung seines eigenen, göttlichen SEINS. Im stillen GEWAHRSEIN, das mit ein wenig spiritueller Übung – manche sagen auch Meditation oder Kontemplation dazu – von jedem einzelnen Menschen ganz unabhängig von Ort, Zeit oder Intellekt und ganz ohne institutionalisierte Kirchen erfahrbar wird, erkennt er sich als das EINE SEIN, vor dessen Hintergrund das moralische Gesetz immaniert werden kann.

In der Stille des immerwährenden gegenwärtigen Augenblicks, als kleiner Raum zwischen Reiz und Reaktion, ist der Mensch frei, sich seiner Göttlichkeit und der Notwendigkeit des Handelns in einer kausalen, nicht perfekten, nur allzu menschlichen Welt GEWAHR zu sein, um daraus die für das menschliche Zusammenleben notwendigen Handlungsmaximen – das moralische Gesetz – abzuleiten. Sollte ihm das nicht allzu gut gelingen, so ist er nicht böse, sondern nur noch nicht ausreichend GEWAHR.

So einfach ist das.

J. W. v. Goethe 1814

  1. Gewahrsein; in dem Wort gewahr (wie in „gewahr werden“ oder „gewahr sein“) ist die Vorsilbe ge- ein sogenanntes perfektivierendes Präfix. Das Präfix „ge-“ stammt vom urgermanischen „ga-“ ab und drückt ein Gefühl der Vollständigkeit, des Zusammenkommens oder der Gesamtheit aus. Es ist historisch mit lateinischen Vorsilben wie con- oder co- verwandt. Wahren bedeutet, etwas im Auge zu behalten. Die Vorsilbe „ge-“ bewirkt, dass aus diesem andauernden Prozess ein plötzliches Ereignis wird. „Gewahr werden“ oder „gewahr sein“ bedeutet folglich, dass man in einem bestimmten Moment etwas bewusst erfasst, bemerkt oder plötzlich versteht – hier: DAS SEIN an sich. Es lenkt den Fokus auf den plötzlichen Moment des Eintritts in einen Zustand, ist wertfrei und nicht dualistisch. Im Unterschied dazu ist Selbstbewusstsein der aktive, kognitive Prozess, der sinnlich Wahrgenommenes ordnet, bewertet und mit Konzepten, Erinnerungen (Vergangenheit), Erwartungen (Zukunft) und dem eigenen Ich, dem Denker, dem EGO verknüpft. Beachte: Die beiden wesentlichen Merkmale von Gewahrsein sind die Unmittelbarkeit des gegenwärtigen Augenblicks und die völlige Bewertungsfreiheit. Die korrekte Unterscheidung zwischen Bewusstsein (reine Sinneswahrnehmungen und Gefühle, die auch Tieren zuteilwerden), Selbstbewusstsein (Ichgefühl) und Gewahrsein wird in der Literatur oftmals vernachlässigt, ist aber ganz wesentlich! ↩︎

Veröffentlicht

in

von