In der Nacht zum 31.5.2026 kam es in Mattsee zu Nazi-Schmierereien.
Wenigstens ein halbes Dutzend österreichweiter Printmedien und der ORF berichteten ausführlich darüber. Zeithistoriker, Politiker, die Polizei und das Mauthausen-Komitee wurden mit umfangreichen Stellungnahmen zitiert.
„Das ist kein Lausbubenstreich“, so eine Historikerin, die vor einer Verharmlosung des Vorfalls warnt, das Mauthausen-Komitee kritisiert die Arbeit der Polizei, der Polizeidirektor verbittet sich die Einmischung in die Polizeiarbeit, für den SPÖ-Bürgermeister von Mattsee ist der Vorfall „absolut zu verurteilen“, der ÖVP-Alt-Bürgermeister ortet immer noch „braune Flecken“ und Mattsee sei angeblich beliebtes Ausflugsziel der AfD, munkelt man im Gemeinderat.
Die Landepolizeidirektion Salzburg veröffentlicht am 3.6.2026 eine Pressemeldung, in der von drei verdächtigen Einheimischen in Mattsee, einem Ort mit 3.500 Einwohnern, im Alter von 20, 21 und 22 Jahren die Rede ist. Diese Pressemeldung wird in wenigstens sechs Tageszeitungen und dem ORF am selben Tag österreichweit veröffentlicht.
Wenige Tage später wird ein Jugendlicher tot aufgefunden.
Auf einer Sterbeparte sehe ich in die unendlich traurigen Augen eines hageren Jungen mit eingefallenen Wangen. Dabei stelle ich mir den unglaublichen psychischen Druck vor, der durch Polizei, Medien, Politik und Öffentlichkeit in dieser Situation auf drei Jugendlichen in der kleinen Gemeinde Mattsee lastet, und frage mich, ob die Verhältnismäßigkeit zwischen der zur Last gelegten Tat und der öffentlichen Reaktion noch gegeben ist.
Ich frage mich, ob es notwendig ist, in einer Pressemitteilung der Polizei derart genaue Angaben zu Verdächtigen in einem Ort mit 3500 Einwohnern zu machen oder ob es da in einem angeblich demokratischen Rechtsstaat nicht so etwas wie Persönlichkeitsschutz und Unschuldsvermutung bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung durch ein ordentliches Gericht gibt.
Und ich frage mich, ob es angemessen ist, wenn Medien derartige Pressemitteilungen entgegen dem Interesse von Verdächtigen veröffentlichen, oder ob es da nicht vielmehr um eine auflagenwirksame Effekthascherei im Zeichen einer populistischen „Brandmauer“ gegen alles geht, was nicht links von Hühner-Tofu steht.
Wer Mauern errichtet und den Dialog verweigert, hat aufgehört, Ängste und Sorgen anderer zu verstehen. Das ist kein Lausbubenstreich und auch nicht demokratisch.
In der Sterbeparte eines jungen Menschen ist zu lesen:
„Du warst nicht das Problem. Die Welt war nur nicht bereit, dich zu verstehen.“
